Tikal – Maya-Stadt-Ruinen im Dschungel

Als wir am frühen Morgen von einer der höchsten Pyramiden der alten Maya-Stadt „Mutul“ herunterblicken und zusehen, wie die Sonnenstrahlen den Morgennebel langsam aufsaugen, erscheint es uns nicht verwunderlich, dass diese gigantische Ruinenstadt jahrhundertelang verborgen blieb. Als Hernan Cortes mit seinem Conquistadoren-Heer hier vorbeizog, war die Stadt schon seit mehr als 500 Jahren verlassen und von dichtem Dschungel überwuchert. Ich kann mir vorstellen, dass es unter den Mayanachfahren Überlieferungen gab, wo die alten Stätten zu finden waren. Es war vielleicht kein Zufall, dass es Bauern gab, die im 19. Jahrhundert, vor der offiziellen Entdeckung der Ruinen, zwischen den Pyramiden-Hügeln Landwirtschaft betrieben.

Nach unserer Lektüre der Geschichte von Rudolph August Berns, der in der 80er Jahren des 19. Jahrhunderts Machu Pichu, die Inkastadt in Peru entdeckte, können wir uns vorstellen, welche Strapazen mit so einer Entdeckung zu jener Zeit verbunden waren. In den letzten Jahren haben Archäologen mit moderner Technik sozusagen vom Schreibtisch aus, weitere Mayastätten entdeckt. Erst im vergangenen Sommer stießen sie auf eine verborgene Stadt im Süden von Belize, die mindestens so groß ist wie Tikal, also mehr als 15 km2, und niemand (?) wusste bisher davon.

1500 Jahre siedelten die Maya in Tikal. Zuerst, seit etwa 1000 v. Chr. in Behausungen aus Holz und Palmblättern. Ab etwa 250 v. Chr. errichteten sie riesige Tempel und Paläste aus Stein.

Sie verstanden also etwas von der Baukunst. Und es gibt die Theorie, dass die Anordnung der Pyramiden das Sternbild des Drachen abbildet. Ihre Religion war eng mit Wissenschaften verknüpft: Sie beobachteten die Sterne und rechneten die besten Zeiten für die Aussaat von Mais, Bohnen und Kürbis aus. Ihre in der Peripherie angesiedelte Landwirtschaft konnte bis zu 100.000 Menschen versorgen. Sie entwickelten ein sehr detailliertes System von Hieroglyphen, die sie in Holz oder Stein einritzten. Sie bauten Kanäle und künstliche Lagunen, die ihre Stadt mit Wasser versorgten.

So beeindruckend das alles ist, so zerstört es doch mein kindliches Idealbild von den „Indianern“ als den „Guten“. Die Maya jedenfalls waren in ihrer „Blütezeit“ hauptsächlich Krieger. Ein Lieblingsfeind war zum Beispiel Teotihuacan in der Nähe des heutigen Mexiko-Stadt, mehr als 1000 km von Tikal entfernt. Für einige Jahre hatten die Herren von Teotihuacan auch in Tikal das Sagen. Aber auch gegen andere Mayastadtstaaten führte man Krieg. Und die religiösen Vorstellungen scheinen nicht zum Frieden beigetragen zu haben. Jedenfalls gab es Menschenopfer – wenn auch, wie es heißt, auf freiwilliger Basis.

Die Pracht der Städte muss atemberaubend gewesen sein. Alle Gebäude und Straßen wurden mit einem weißen Belag aus gebranntem Kalkstein überzogen. Die Pyramiden und Paläste wurden dann mit einer roten Pflanzenfarbe gestrichen.

Um diesen weißen Kalkputz herzustellen, brauchte es viel Holz, so dass immer mehr Bäume gefällt wurden und die Landschaft mit den Jahren verödete. Der Regen blieb aus, die Sonne trocknete den Boden aus … So gesehen ist Tikal auch ein Bild der Hoffnung, denn der dichte Dschungel, der die Stadt verborgen, aber auch bewahrt hat, zeugt von der Regenerationsfähigkeit der Pachamama.

2 Kommentare zu „Tikal – Maya-Stadt-Ruinen im Dschungel

  1. Debo

    Oh wow, wie toll, all das zu erleben und mit eigenen Augen zu sehen, sich hineinfühlen zu können! (auch wenn es leider das Bild der „guten“ Indianer sehr trübt, dem auch ich immer nachgehangen habe)

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